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german.pages.deDie deutsche FrauEin EssayMan weiss, dass die demografische Lűcke Deutschlands viele Ursachen hat. Die folgenden Beobachtungen sind sehr subjektiv und daher nur als ein Diskussionsbeitrag zu verstehen.Die deutsche Frau I: Das MädelJunge Frauen zwischen 18 und vielleicht 30 werden von ihren männlichen Altersgenossen gerne als "Mädels" bezeichnet, vor allem in Norddeutschland. Das harmlos klingende Wort weckt Assoziationen an Zeiten, in denen Jung-Frauen ein Tuch um den Hals mit einem Lederknoten trugen und zum BDM gehörten, dem Bund Deutscher Mädels, und später vielleicht zur FDJ. Wer sind nun diese Mädels von heute? Sie sind frei, studieren gerne (häufiger und besser als die Jűnglinge) und legen grossen Wert auf Mode, Sex, Spass, Tanz und oft auch Sport. Obwohl sie im besten fruchtbaren Alter stehen, ist Nachwuchs in der Regel ein Anliegen, das man aufschieben kann. Heiraten, Familie? Vielleicht, aber nicht notwendigerweise. Man hat einen Beruf, oder Geld von Zuhause, oder man lebt anspruchslos. Warum heiraten, wenn das Leben schön ist, so wie es ist? Den traditionellen Qualifikationen kann man wenig abgewinnen. Haushalt fűhren? Kochen? Fehlanzeige. Wer um die Linie bangt, braucht keine Kochkunst. Wer keinen Haushalt hat, muss auch nicht putzen. Zuhause macht es die Mutter, in der eigenen Wohnung stören die Staubröllchen unter dem Bett ("Flumm") nicht, weil man ohnehin kein Bett sondern nur eine Matratze auf dem Boden liegen hat, dazu einen Fernseher, einen Computer und ein paar Möbel von Ikea.oder dem Flohmarkt. Vorzugsweise schläft man sowieso lieber bei dem Boyfriend. Vorausgesetzt, der gegenwärtige Zukűnftige hat eine Wohnung und kocht entweder oder lädt zum Döner, zur Pizza oder ins Restaurant ein. Das geringe Interesse der Mädels, dieses zwanglose Glűck durch eine legale Bindung zu verfestigen und zu problematisieren, ergänzt sich bestens mit dem geringen Interesse seitens der Jűnglinge, ein solches Mädel legal an sich zu binden. Auch dem verliebten Auge kann nicht entgehen, dass die Familienkompetenz vieler dieser Mädels ausgesprochen gering ist. Putzen, kochen, Ordnung erzeugen? Vergiss es. Wenn der Jűngling es nicht tut, tut es niemand. Zum Ausgleich sind die Mädels oft pflegeleicht. Dreck stört sie nicht. Sie können auch in der Ecke eines Wartesaals auf dem Rucksack schlafen. Mit Cola light und einer Tűte Fritten kommt man ziemlich weit. Die Probleme liegen eher woanders. Vielleicht ist die junge Dame ein Ökofan und isst nur biodynamisch oder vegan. Oder fährt nur Fahrrad. Vielleicht ist sie buddhistisch oder anderweit religiös engagiert. Oder verliert Stunden mit chatten. Hat Hund oder Katze, deren Pflege die traute Zweisamkeit stört. Die Chance ist also ziemlich gross, dass das Mädel, solange es ein solches ist, nicht heiraten wird, und sich wenn, dann eher alleinerziehend fortpflanzen wird. Auf jedes Kind kommen in dieser Alterskohorte drei oder vier Katzen beziehungsweise Hunde. Die deutsche Frau II. Die biologische Uhr ticktAb dreissig, spätestens aber fűnfunddreissig Jahren mutiert das Mädel zur Frau. Damit ändert sich die Lebensperspektive ziemlich radikal. Vorbei ist das arglose hasch-mich Spiel, jetzt muss die Zukunft angegangen werden. Zukunft bedeutet Kind. Und Kind bedeutet Mann. Oder, manchmal, umgekehrt. Kind bedeutet Wohnung statt Bude. Einkommen statt Bedűrfnislosigkeit. Mann statt Liebhaber. Verantwortung statt Sorglosigkeit. Je lauter die biologische Uhr tickt, desto unabweisbarer wird die Suche nach dem geeigneten Mann. Wie muss er sein, wie findet man ihn, wo findet man ihn? Deutscher? Ausländer? Identikits werden entwickelt, verworfen, erneut entwickelt. Gute Gene muss er haben, denn schliesslich will man ein chancenreiches Kind. Kraftvoll, sportlich, maskulin soll er sein. gleichzeitig aber auch gebildet, ausgeglichen, klug, verlässlich, treu. Jahre vergehen mit der Suche. Komisch, dass so wenige Männer dem Identikit entsprechen. Entweder sind sie jung und unausgegoren, oder alt, mit schlappen Genen und einem Rollstuhl im Hintergrund. Frau ist mehr und mehr verzweifelt. Es dämmert ihr nicht, dass ihr Identikit Unvereinbares vereint..Der Jűngling ist nicht so weise, der ältere Herr nicht so stűrmisch, wie Frau es sich erträumt. Derweil tickt die Uhr weiter. Die deutsche Frau III: Mutter sein dagegen sehrNun, sie hat es doch geschafft. Sie hat den Mann gefunden, sie hat ein Kind, vielleicht sogar zwei bekommen. Natűrlich ist der Mann nicht, was sie sich erträumt hat. Eigentlich ist sie zu gut fűr ihn, aber seufz... Und das Kind. Es ist wunderbar, aber es hat alles umgekrempelt. Eine Wohnung ist vorhanden, aber sie muss ordentlich und sauber gehalten werden, damit das Kind gesund und fröhlich aufwächst. Gottseidank gibt es ja alle Kindernahrung schon fertig, sodass man nicht auch noch kochen lernen muss. Man ist ja so beschäftigt, muss Bűcher lesen wie "Mutter sein dagegen sehr". Innere Werte bestimmen nun das Leben. Die äusseren können zurűcktreten. Es reicht eine praktische Kurzfrisur, fűr draussen sind ein Anorak oder eine Lederjacke und ein Rucksack vonnöten. Makeup? Man ist ja kein Teenager mehr. Man ist jetzt Mutter: das entspricht einem akademischen Grad oder einer Kűnstlerbiografie, mit einem Wort: man ist wertvoll. Je weniger Kinder das Land hat, desto wertvoller sind die Műtter. Sie gestalten die Zukunft. Sie bestimmen in der Familie. Mann sieht es und staunt. Vom Mädel zur Mutter zwei grundverschiedene Aspekte desselben Geschlechts. Bewundernd öffnet er die Babygläschen, kauft Windeln, geht zu Elternabenden und korrigiert Hausarbeiten. Irgendwann jedoch packt ihn die midlife crisis und er ertappt sich dabei, Frauen mit langen Haaren ohne Anorak und Rucksack nachzuschauen. Frauen, die weniger wertvoll, aber dafűr aműsanter sind. Die deutsche Frau IV: Das Leben beginnt mit fűnfzig (oder sechzig)Irgendwann ist alles ausgestanden. Die Kinder sind aus dem Haus, egal ob doppelt- oder alleinerziehend, ob mit kirchlichem Sakrament oder im Patchwork. Nun fängt Frau wieder an zu denken: wie geht es weiter? Mit dem vielleicht noch vorhandenen Angetrauten? Oder besser ohne ihn? Allein oder mit loser Bindung an einen noch zu findenden älteren, aber gut erhaltenen Jűngling? Wieder da anknűpfen wo vor Jahrzehnten das Mädel (damals vielleicht Mädchen) aufgehört hat? Inzwischen ist man weniger wertvoll, hat dafűr aber putzen und vielleicht sogar kochen gelernt, und kann einem Mann ausser inneren Werten auch einige Behaglichkeit bieten. Dafűr hapert es oft mit dem Sex. Man ist vielleicht noch immer makrobiotisch oder buddhistisch orientiert, aber mit mehr Humor. Aber wie wird man wieder chic nach Jahrzehnten mit Kurzfrisur und einem fatalen Hang zur Rentnerkleidung? Wie trimmt man eine lange vernachlässigte Figur? So erlebt sich Frau im vierten Stadium endlich ausgeglichen, realistisch und unkompliziert. Aus Problemen sind Problemchen geworden. Das Leben beginnt mit fűnfzig (oder irgenwann danach).
—— Daniela Fűrst |